Wie wir uns gegen komische Geschichten wehren können. Teil 1: Von Chemtrails und Informationsblasen

Vielleicht haben Sie, lieber Leser, auch schon einmal Ähnliches erlebt: Man sitzt am Wochenende in feucht-fröhlicher Runde beisammen, der Wein fließt, es wird gelacht, die Stimmung ist hervorragend- und plötzlich berichtet ein eigentlich sympathischer Bekannter von diesem wahnsinnig spannenden Buch, das er neulich gelesen hat. Darin erzählen Hannelore und Fritz Kohnert, ein Mitfünfziger Ehepaar aus dem Schwäbischen, über ihren Wochenendausflug auf der Ostalb vor vier Jahren. Damals seien sie nämlich von Außerirdischen entführt worden. Das Paar könne sich natürlich nicht an alle Vorkommnisse genau erinnern. Die Außerirdischen wären ja auch schön blöd gewesen, das ganze ohne Betäubung durchzuziehen. Aber hin und wieder habe es Wachphasen gegeben und diese hätten ausgereicht, um zumindest so viel mit Sicherheit sagen zu können: Experimente seien durchgeführt - und wichtige Erkenntnisse über die menschliche Spezies gesammelt worden.

Im Anschluss an die Experimente habe man das verstörte und doch wohlbehaltene Ehepaar wieder auf der Ostalb abgesetzt. Nach einigen Jahren des Sich-wieder-Sammelns hätten die Kohnerts dann ihre sieben Sinne wieder soweit beisammen gehabt, dass es für die Niederschrift ihrer Erlebnisse und die Kontaktaufnahme (diesmal sehr irdischer Art) zu einem Buchverlag langte. 

Ihr Bekannter fügt mit ernster Miene hinzu, dass der Entführungsbericht sehr detailliert und glaubwürdig sei und überhaupt sehr gut zu anderen, früheren Berichten von Alien-Entführungen passe.

Er habe sich da informiert.

Uff.

Wenn Sie, lieber Leser (wie auch der Autor dieser Zeilen), eher zum Lager der Alien-Skeptiker zu zählen sind, wird Sie ein solcher Erfahrungsbericht vielleicht nicht aus der Bahn werfen. Und dennoch: wer sich einmal ausführlich in seinem Bekanntenkreis umhört, wird überrascht sein, wie oft er sich mit Verschwörungstheorien, Angst vor Elektromagnetismus, passionierten Impfgegnern, dem Gedächtnis des Wassers oder Anhängern mystisch-metaphysischer Heilkünste konfrontiert sieht. 

Nun gilt im Allgemeinen das Sprichwort: man muss ja nicht in jeder Jauche schwimmen, um zu wissen, was Scheiße ist. Und doch ist es nicht immer leicht, intellektuelle Gülle von seriöser Berichterstattung zu trennen, ohne vorher selbst tiefer einzutauchen. Dafür aber ist das Leben zu kurz. Was also tun? In dieser kleinen Serie sollen einige Strategien zur Vorauswahl der Gewässer vorgestellt werden, in die tiefer einzutauchen sich lohnt (und die sich also wahrscheinlich nicht, im Sinne des obigen Sprichwortes, als voller Scheiße herausstellen).

Bleiben wir für einen Moment bei Verschwörungstheorien. Ein gutes Beispiel: Chemtrails (zu Deutsch etwa: Chemikalienstreifen). Laut dieser Theorie sind die Kondensstreifen von Flugzeugen nicht alleine auf kondensierte Flugzeugabgase zurückzuführen. Stattdessen enthalten sie Chemikalien, die von einer bestimmten Gruppe (wahlweise USA, Russland, internationale Militär-Konglomerate, Juden, Altnazis, usw.) zu bestimmten, je nach Erzählung variierenden, Zwecken eingesetzt werden. Diese reichen von Bewusstseinsveränderungen (Wählt Merkel!) bis hin zu Bevölkerungsreduktion durch Beschädigung der Zeugungsfähigkeit. Ja, es gibt viele Versionen der Chemtrail-Geschichte.

Die Logik der Chemtrail-Verschwörer ist schwer zu durchbrechen, wie die Logik aller verschwörungstheoretischen Erzählungen. Sobald eine öffentliche Untersuchung stattfindet und Messungen vorgenommen werden, die die fragliche Theorie widerlegen, wird umgehend behauptet, die Untersuchungskommission selbst sei ein Teil der Verschwörung, oder sonstwie korrumpiert. Daher seien die Ergebnisse unglaubwürdig. Eine simple, effektive Strategie der Immunisierung: Wer mir widerspricht ist nicht an einer Aufklärung der Sachlage interessiert, sondern ist ein Teil des Systems, gegen das ich mich mit meinen Ansichten auflehne. 

Der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Karl Popper (1902-1994) hatte die Idee, Theorien nur dann als wissenschaftliche Theorien anzusehen, wenn sie falsifizierbar sind. Das bedeutet, es muss klar sein, unter welchen Bedingungen eine Theorie als widerlegt gilt. Mit diesem Kriterium, so meinte Popper, können wir Humbug von Nicht-Humbug unterscheiden. Denn wenn wir nicht einmal eine Vorstellung davon haben, was wir zur Widerlegung einer Theorie eigentlich herausfinden müssten, dann mutet unser Vertrauen in die Theorie merkwürdig  und willkürlich an. Dann öffnen wir dem Humbug Tür und Tor.

Fragen wir also die Chemtrail-Verschwörer: Was müsste eigentlich herausgefunden werden, damit ihr Eure Ansichten ändert? Vermutlich werden wir keine Antwort bekommen.

Ähnlich verhält es sich mit Spekulationen rund um die Anschläge vom elften September (Das war doch der Bush selber!). Oder mit den verworrenen Geschichten um eine jüdische Weltverschwörung (Damals gab es gar nicht so viele Juden, als wie da damals so gestorben sein sollen!). Der Autor selbst hat während einer Diskussion unter Doktoranden der Philosophie an der Universität Konstanz erfahren dürfen, wie ein Teilnehmer nach einige Auslassungen über Bush und den 11. September unnachgiebig die These vertrat, die Attentate von Paris im November 2015 seien von der französischen Regierung und der französischen Polizei unterstützt worden. Eine ausgiebige Recherche im Internet lasse hier keine Zweifel zu.

Er habe sich da auf Youtube informiert.

Wer hier mit Argumenten dagegenhält, wird flugs zum Mitverschwörer oder, im besten Fall, zum verblendeten Inhaber eines allzu kurzen intellektuellen Horizontes deklariert. O-Ton: Wenn ihr gesehen hättet, was ich gesehen habe, wenn Ihr Euch einmal INFORMIEREN würdet, so wie ich es getan habe... 

Ziehen wir für einen weiteren wichtigen Tipp den alten Goethe heran.

 

Ins Sichere willst du dich betten!

Ich liebe mir inneren Streit:

Denn wenn wir die Zweifel nicht hätten,

Wo wäre denn frohe Gewißheit?

 

Wie ist das zu verstehen? Hier eine Interpretation: Ein guter Maßstab für die erste Einschätzung einer Erzählung ist das Ausmaß an kritischer Durchleuchtung, das sie in der Vergangenheit erfahren hat. Auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Außerirdisches Allerlei werden Sie voraussichtlich auf nur sehr wenige Menschen stoßen, die gewillt sind, das ganze einmal ganz grundsätzlich zu hinterfragen. Sie stoßen hier auf eher weniger inneren Streit. Stattdessen begegnen Ihnen eine Vielzahl sogenannter persönlicher Erfahrungen von Menschen, die im Internet seit Jahr und Tag mit Eifer dieselben Informationsblasen durchpflügen und dankbar alle Hohlheit aufsaugen, für die in ihren Schädeln noch Platz ist. (Und wo etwas hohl ist, ist natürlich immer Platz für mehr Hohlheit.) Klar, ist ja auch gemütlich so. Gruppenzugehörigkeit ist Anerkennung ist Wohlfühlen. Wie ungemütlich wäre es, sich einmal mit der Kunst des grundsätzlichen Zweifels zu beschäftigen. Man wähnt sich lieber in einem wohlig warmen Weltbild und suhlt sich genüsslich weiter in den Geschichten, die man eh schon für wahr hält.

Das wirklich perfide an der Sache ist, lieber Leser, dass Sie irgendwann in all den Geschichten Gemeinsamkeiten entdecken werden. Es passt alles zusammen! Und schon stellt sich ein belohnendes Gefühl der Bestätigung, ja, der Überlegenheit ein. Ich wusste es schon immer und all die anderen, die haben keine Ahnung von der Wahrheit

Der neutrale Beobachter kann ob einer solchen intellektuellen Selbstentmündigung zugunsten eines in sich schlüssigen Informationsblasenmorasts eigentlich nur noch den Kopf schütteln - und hoffen und beten, dass all diese Sich-Wohl-und-Überlegen-Fühler irgendwann von ihren eigenen Kindern nicht mehr Ernst genommen werden.

Doch wie unsere Kinder vor all dem bewahren? Die Antwort bietet die Grundidee aller Wissenschaften: der methodische Zweifel. Ein Leben außerhalb jeglichen ideologischen Morastes setzt eine kritische Distanz zu sich und seinen Mitmenschen voraus. Man muss zurücktreten können, um sich selbst und sein Umfeld zu hinterfragen. Man muss an sich und seinen Überzeugungen zweifeln und diesem Zweifel nachgehen. Man muss etwa dazu in der Lage sein, sich zu fragen, was wahrscheinlicher ist: dass das Ehepaar aus dem Schwäbischen von Aliens entführt wurde, oder dass es gerne ein Haus in der Karibik mit einer erfundenen Geschichte finanzieren möchte.

Kurzum: Wir können uns besser von den Jauchen dieser Welt fernhalten, wenn wir lernen, uns selbst und unser Umfeld kritisch zu hinterfragen. Wenn wir lernen, uns aktiv dem Zweifel und dem Widerspruch auszusetzen. (Ganz nebenbei: dies zu lehren ist der Zweck unserer Universitäten.) Und wenn wir eher jenen Erzählungen oder Theorien unser Vertrauen schenken, die seit Jahr und Tag immer wieder aufs Neue kritisch durchleuchtet werden.

Wenn also die deutsche Bundesärztekammer in einer offiziellen Stellungnahme zum Ausdruck bringt, dass Schutzimpfungen zu den wirksamsten Maßnahmen der Prävention gegen Infektionskrankheiten gehören, dann schenken Sie dem zunächst einmal Ihr Vertrauen. Warum? Weil da unzählige Untersuchungen durchgeführt und Daten erhoben wurden. Weil sich die Ärtzekammer mit Zweifeln und mit den Argumenten ihrer Gegner ausführlich auseinandergesetzt hat. Weil hier echter innerer Streit ausgetragen wurde. Zumindest sollten Sie, lieber Leser, einer solchen Stellungnahme eher vertrauen, als einzelnen, mit großer Empörung vorgetragenen Schreckensberichten auf www.impfgegner.de, die im Geiste einer Die-ganze-Welt-liegt-falsch-und-nur-ich-habe-es-erkannt-Einstellung vorgetragen werden.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Falls Sie möchten, lassen Sie sich gerne auf die Argumente der Impfgegner ein. Aber bleiben Sie kritisch und lassen Sie die Zahlen und Daten der Gegenseite nicht einfach außer Acht - sonst droht auch Ihnen der unreflektierte Sich-Überlegen-Fühl-Informationsblasenmorast (ich mag dieses Wort).

Seien Sie also, lieber Leser, ein offener Über-den-Tellerrand-Schauer, anstatt ein verbohrter Sich-in-Sich-Selbst-Zurückzieher. Seriöse und differenzierte Weltbilder entstehen nicht dadurch, dass man sich ein Leben lang mit Gleichgesinnten in Internetforen oder auf sogenannten Fachtagungen gegenseitig die Füße massiert, um auch ja nicht aus seiner wohligen Gedankenwelt gerissen zu werden. Seriöse und differenzierte Weltbilder entstehen dadurch, dass man sich zeitlebens mit Andersdenkenden gegenseitig auf die Füße steigt.  Dass man sich fragt, ob man überhaupt noch zulassen würde, dass es irgendetwas gibt, das einen zu geistiger Umkehr bewegen würde, wenn man es denn fände. Und dass man sich dann freudig und aktiv dem aussetzt, was die eigene Gedankenwelt zu zertrümmern droht. Ohne Zweifel ist das oft unbequem und, ja, auch schmerzhaft.

So unbequem und schmerzhaft wie das echte Leben.

Fortsetzung folgt.