Warum wir nicht glauben sollten, dass es Götter gibt

Die Homo-Ehe ist eine Niederlage für die Menschheit". So betitelt die Welt im Mai 2015 einen Artikel über die Reaktion der katholischen Kirche auf eine Volksabstimmung in Irland. In der Abstimmung war es darum gegangen, die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern zu legalisieren. Viele sahen darin einen moralischen Fortschritt. Der Vatikan offenbar nicht.

Kirchenkritiker in aller Welt packen die Gelegenheit beim Schopfe, verfallen in ihren üblichen Singsang und sprechen Worte wie „verkrustet" oder „ewiggestrig" in Mikrofone und Kameras. Allerlands erzittern Tastaturen unter den erbosten Fingern der Zornigen, die es immer schon gewusst haben: Da hilft auch kein Armenpapst Franziskus mehr, da kommt alle Hilfe zu spät.

Aufgewühlt ob all dieser Attacken stemmen sich die Freunde des Katholizismus stur dem Sturm entgegen. Leisten wir etwa nicht einen unbezahlbaren Dienst für die Gesellschaft? Sind unsere karitativen Einrichtungen etwa nichts wert? Unsere Trauerarbeit und Sterbebegleitung? Oder auch... und so weiter. 

Doch verlieren wir uns nicht in dieser Debatte. Um es kurz zu machen: Die katholische Kirche - ja, die Religion insgesamt - hat in ihrer Geschichte einige ziemlich schlimme Dinge (mit)verursacht. Und auch reichlich Gutes. Es soll uns hier und heute nicht darum gehen, diese Errungenschaften gegeneinander abzuwägen. Das wäre zu schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Da sollen andere tätig werden. Stellen wir uns stattdessen eine grundsätzlichere, philosophische Frage.

Keine Panik. Zur Beantwortung dieser Frage brauchen wir keine Bücher zu wälzen. Nötig sind lediglich eine Prise Vernunft, ein Hauch emotionale Distanz zu den eigenen Werten, sowie eine Teelöffelspitze Lust an der Durchdringung geistigen Nebels. 

Was spricht eigentlich dafür, es für wahr zu halten, dass es einen Gott gibt? Es ist wichtig, diese Frage zu unterscheiden von der Frage, ob der Glaube an Gott das menschliche Leben besser oder erfüllter oder sonst etwas macht. Es kann durchaus sein, dass religiöse Menschen besser dazu in der Lage sind, Schicksalsschläge zu überwinden. Dass sie besser dazu in der Lage sind, angesichts des eigenen, unvermeidlichen Todes ihren Frohsinn zu bewahren. Dass sie sich wohler und aufgehobener fühlen. Kurzum: Es kann sein, dass Religiösität das Leben angenehmer macht. Aber darum geht es (uns) nicht. Es geht darum, ob es Gott tatsächlich gibt. 

Die Frage, ob es Gott (bleiben wir einmal beim katholischen Gottesbild) gibt, ist keine Frage der persönlichen Entscheidung oder Lebensführung. Entweder Gott hat das Universum erschaffen, oder nicht. Entweder er hat uns seinen Sohn zur Vergebung unserer Sünden entsandt, oder nicht. Entweder die Seele ist unsterblich, oder sie ist es nicht. All dies sind keine Fragen der persönlichen Entscheidung. Es sind Fragen darüber, wie das Universum beschaffen ist, unabhängig von unseren Gefühlen und Gedanken. Daher kann es auch nicht für mich so sein, für dich aber anders. Entweder Wasser kocht auf Meereshöhe bei 100 Grad Celsius, oder nicht. Wenn wir uns widersprechen, dann ist mindestens einer von uns im Irrtum.

Schauen wir uns also zwei Argumente dafür an, dass es Gott gibt.  Beide lauern am Rande des Bewusstseins unzähliger Menschen und harren der Konkretisierung. Ihnen wollen wir behilflich sein.

Erstes Argument, gemeinhin auch bekannt als das Argument des ersten Bewegers: Die Welt und das Universum muss irgendwie angefangen haben. Nichts kann sich selbst erschaffen. Also muss die Welt und das Universum geschaffen worden sein. Also gibt es einen Schöpfer. Dieser Schöpfer ist Gott. Also gibt es einen Gott.

Dieses Argument kann nicht überzeugen. Es verschiebt das ursprüngliche Problem nur auf eine andere Ebene. Der Startpunkt des Argumentes ist die Feststellung, dass nichts sich selbst erschaffen kann. Sofort entsteht ein neues Problem: Wenn nichts sich selbst erschaffen kann, dann kann auch Gott sich nicht selbst erschaffen haben. Ergo das neue Problem, nun eine Ebene höher: Wer oder was hat Gott erschaffen? Wenn die Antwort nun lautet, dass Gott eine Ausnahme ist und sich selbst erschaffen kann, dann könnte mit gleichem Recht behauptet werden, das Universum habe sich selbst erschaffen. So beißt sich das Argument selbst in den Schwanz. Und scheitert.

Kommen wir zum teleologischen Argument für die Existenz Gottes (von griech. telos für ZielAbsicht): Schaut nur, wie wunderbar planvoll die Natur eingerichtet ist! Wie sinnvoll alles ineinander greift: die Photosynthese, das menschliche Auge! Eine solche sinnvolle Anordung finden wir ansonsten nur in Dingen, die von einem Wesen mit einer bestimmten Absicht erschaffen wurden. Hier ist also die beste Erklärung dafür, dass die Natur so zielführend eingerichtet ist: Sie hat einen Schöpfer, der die Dinge absichtlich so eingerichtet hat, wie wir sie vorfinden. Und dieser Schöpfer ist Gott.

Dieses Argument war bis in das 19. Jahrhundert hinein überzeugend. Denn in der Tat gab es bis dato keine bessere Erklärung für die scheinbar planmäßige Beschaffenheit der Natur. Heutzutage jedoch verfügen wir über eine bessere Erklärung: Darwins Evolutionstheorie. Sie kann erklären, warum die Natur so eingerichtet ist und alles so sinnvoll ineinandergreift - und zwar ohne die Annahme eines Ingenieurs hinter den Dingen. Die Evolutionstheorie erbringt also dieselbe Erklärungsleistung, braucht dafür aber weniger Annahmen (etwa: keinen allmächtigen, allgütigen Ingenieur). Kurz: Sie ist die bessere Erklärung. Wir brauchen Gott nicht, um zu erklären, dass die Natur ist, wie sie ist. Also scheitert auch dieses Argument.

Zwischenfazit: Gottes Existenz kann argumentativ nicht belegt werden. Es gibt noch weitere Versuche, aber lassen wir sie einmal beiseite (ich lehne mich an dieser Stelle ein wenig aus dem Fenster und wage zu behaupten: auch sie scheitern). Wenden wir uns stattdessen der typischen Reaktion vieler Gläubiger auf Gedankengänge der obigen Art zu. Es gehe in der Religion nicht darum, zu beweisen, sagen sie. Es gehe darum, zu glauben, darum, zu vertrauen.

Hierzu eine weitere Überlegung: Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Alien und landen mit dem Raumschiff auf der Erde. Die Menschheit heißt Sie willkommen und führt Sie in einen Raum, in denen Vertreter aller Religionen reihum warten und Sie von sich überzeugen wollen. Keiner der Anwesenden kann beweisen, dass es seinen/ihren Gott tatsächlich gibt. Aber das möchten sie auch nicht. Allesamt beteuern sie mit gütigem Gesicht, dass es darum gehe, zu glauben und zu vertrauen. Darin, so merken Sie als fremdartiger Besucher auf Erden schnell, sind sich alle Religionsanhänger einig.

Nun aber haben Sie ein Problem. Wem glauben? Wem vertrauen? Und da Sie als Alien gut geschult im Denken sind, dämmert Ihnen sogleich ein weiteres Problem. Vertrauen heißt immer jemandem Vertrauen. Wenn es diesen jemand also nicht gibt, dann ergibt vertrauen keinen Sinn. In anderen Worten: Vertrauen setzt die Existenz dessen voraus, dem vertraut wird. Und warum sollten Sie diese Voraussetzung überhaupt machen? Warum sollten Sie annehmen, dass jener Gott existiert, dieser aber nicht? Die Religionsvertreter liefern ja gerade keine überzeugenden Argumente für die Existenz ihrer Götter. Sackgasse.

Auch kommt nicht in Frage, sich einfach die Religion auszusuchen, die am besten zu den Alien-Werten passt, die Sie ohnehin schon vertreten, oder die Ihnen sympathisch erscheinen. Es geht ja um die Existenz eines Gottes - und die hängt sicherlich nicht davon ab, was sie sympathisch oder doof finden. 

Sie brauchen keine außergewöhnliche Menschenkenntnis, um zu erkennen, dass die Religion für das Leben aller Anwesenden eine zentrale Rolle spielt. Die hier Versammelten können sich ein Leben ohne ihren Glauben gar nicht vorstellen, wie sie selbst auf Nachfrage bestätigen. Er ist ihr ein und alles, ihr Lebenselixier. Und dennoch - unnachgiebig wie Aliens nun einmal sind, kommen Sie nicht umhin, darauf zu beharren, die Religionsvertreter mögen doch bitte einen Grund anführen, der dafür spricht, dass ihr Gott tatsächlich existiert. Dass er mehr ist als eine Vermutung,  ein Objekt blinden Vertrauens. Was, so fragen Sie erneut, spricht für die Wahrheit der Existenz der Götter?

In diesem Moment wird es ein wenig, aber dennoch merklich, kälter im Raum. Sie haben den Eindruck, dass Ihnen ein wenig Verärgerung, oder gar Zorn, entgegen flackert. Sicherlich, so gesteht man Ihnen zu, könne man die Existenz Gottes nicht beweisen. Aber ebenso wenig könne man seine Existenz widerlegen. Folglich tue sich ein Raum des Glaubens, des Vertrauens auf. Und diesen Raum fülle die Liebe Gottes.

Diese Antwort wirft Sie kurz aus der Bahn. Sie denken einen Moment nach und fragen dann, etwas überrascht, ob die Religionsvertreter auch an die Existenz von Einhörnern, Geisterschiffen oder den Weihnachtsmann glauben. Verblüfft verneinen alle Anwesenden. Wie das denn nun sein könne, haken Sie nach. Schließlich könne man deren Existenz nicht widerlegen. Und der soeben angeführten Logik nach tue sich daher ein Raum des Glaubens, des Vertrauens auf. Und diesen Raum könne nun ja der Glaube an Einhörner, Geisterschiffe und den Weihnachtsmann füllen. Doch dieser Raum bleibt leer. Wie kann das sein?

Die Antwort scheint glasklar: Wer die Existenz von etwas behauptet - ganz direkt oder indirekt, indem er sagt, er vertraue oder glaube daran - muss Gründe dafür anführen, dass es existiert. Lassen sich nach guter Suche keine Gründe dafür auftreiben, ist es vernünftig, anzunehmen, dass es nicht existiert. So halten wir es mit Einhörnern, Geisterschiffen und dem Weihnachtsmann. Bei näherem Überlegen ist es sofort offensichtlich, warum wir das tun. Die Nichtexistenz von etwas lässt sich nur schwerlich beweisen. Wir können ja immer nur darauf verweisen, dass wir es bislang nicht gefunden haben. Es könnte aber immer noch anderswo auftauchen in den unendlichen Weiten des Universums. So auch bei Einhörnern. Vielleicht gibt es Einhörner auf einem fernen Planeten jenseits unseres Sternensystems. Dennoch glauben wir, vernünftiger Weise, nicht an Einhörner. 

Ihr finaler Alien-Eindruck: keiner der Religionsvertreter kann einen guten Grund für die Wahrheit der Existenz Gottes liefern.

Ein wenig enttäuscht verlassen Sie die Versammlungshalle. Als erster Alien-Atheist auf Erden.