Trump und das postfaktische Zeitalter

Der zwölfjährige JJ Holmes leidet an einer Zerebralparese. Die Krankheit bindet ihn an einen Rollstuhl. Er kann sich nicht bewegen. Er kann auch nicht mehr sprechen. Wenn er etwas zu sagen hat, dann lässt er seinen ständigen Begleiter für sich sprechen: einen Computer, der an seinem Rollstuhl befestigt ist.

Vor einiger Zeit hat JJ seinem digitalen Helfer zwei kurze Sätze beigebracht. Dumb Trump [Dummer Trump] und Trump mocks the disabled [Trump macht sich über Behinderte lustig]. Seit Wochen liegt er seiner Mutter in den Ohren. JJ möchte gerne zu einer Kundgebung Donald Trumps nach Tampa, Florida, um dem Mann mit dem orangenen Haar einen Denkzettel zu verpassen.

Schließlich gibt seine Mutter Alison Ihren Widerstand auf. Zuviel unnachgiebiges Gezeter. Gemeinsam mit JJ und seinen Schwestern steigt die Familie an einem Samstag Morgen um drei Uhr aus den Betten und fährt zwei Stunden nach Tampa. Alles verläuft nach Plan. Sie gelangen in die Arena. Und als Trumps Rede beginnt, drückt JJ auf seinen Knopf. 

Die Computerstimme ist zunächst nicht laut genug. Also steigen Mutter und Schwestern mit ein. Es dauert nicht lange, bis die ersten ungehobelten Sätze fallen. Immer mehr Teilnehmer der Kundgebung werden auf JJ und seine Familie aufmerksam und rufen ihnen wirres Zeug entgegen. Es dauert nicht lange, bis der Redner auf der Bühne Wind davon bekommt. 

Als erstes unterstellt Trump seinem unnachgiebigen Besucher, im Auftrag Hillary Clintons angereist zu sein und 1500 US Dollar dafür bekommen zu haben. Dann weist er seine Security an, den Jungen aus der Halle zu schaffen. Get him out, please. Get him out. Die Menge beginnt zu skandieren.

USA! USA!

Während Trump noch einige weitere abfällige Sätze über Clintons Anhängerschaft zum besten gibt, beginnen die ersten Teilnehmer der Kundgebung Alison Holmes als child abuser [Kinderschänderin] zu beschimpfen und an JJs Rollstuhl zu rütteln. Der Junge bekommt Angst. Dann ertönt eine weitere Aufforderung aus der anonymen Menge, die von anderen aufgegriffen und wiederholt wird: Grab her by the p*ssy! [Fasst ihr an die M*se!]

JJ, seine Mutter Alison und seine Schwestern werden aus der Arena eskortiert. Die Menge skandiert derweil jubelnd ihre Schlachtrufe.

Willkommen im US Präsidentschaftswahlkampf 2016.

 

Der Wahlausgang: Versuch einer Erklärung

Einige Tage später, am 9. November, ist das Getöse des Wahlkampfes vorbei. Auch in JJs County sind die Stimmen ausgezählt. Es ist dann doch denkbar knapp geworden in Seminole County: 48.7 % der Wähler unterstützen Trump; 47.1 % Hillary Clinton; 3 % den Liberalen Kandidaten Johnson. Florida geht ebenfalls an Trump. Florida, Iowa, Wisconsin, Ohio, Michigan und Pennsylvania sind die sechs Bundestaaten, in denen die Repulikanische Partei im Vergleich zur letzten Präsidentschaftswahl klare Gewinne aufweisen kann. Dabei verliert Hillary Clinton die Wahl insbesondere in den Regionen, die zum sogenannten Rust Belt (Rostgürtel) gehören. Dieser riesige Landstrich, der sich vom Nordosten der USA (Chicago, Gebiete um die großen Seen) über Cincinnati und Pittsburgh bis an die Ostküste (Boston, New York) hinzieht, ist heute eine konjunkturschwache Region. Der Abbau der Industrie ließ die Arbeitslosigkeit in die Höhe schießen, ganze Städte und Regionen verödeten. In Detroit ist die Bevölkerungsentwicklung bereits seit den späten 1950er Jahren rückläufig. Während im Jahre 1950 noch knapp 2 Millionen Menschen in Detroit wohnten, zählte die Stadt im Jahre 2013 gerade einmal noch knapp 700.000 Einwohner. Häuser stehen leer, Straßen sind verwahrlost. Detroit ist eine Geisterstadt.

Trotz all dieser Probleme waren sich die Demokraten um Clinton sicher, die Wahl durch die sogenannte Blue Wall - traditionell demokratische Staaten, zu denen auch Staaten im Rust Belt zählen - zu gewinnen. Daher war die Wahlniederlage in Wisconsin, Michigan und auch Pennsylvania eine überraschende, schallende Ohrfeige. Während Clinton und ihre Kampagne ihre Aufmerksamkeit einerseits wichtigen Staaten ohne klare Mehrheiten (Swing States) widmeten, und sich andererseits vermeintlich sicheren republikanischen Staaten wie Texas zuwanden, erkannten sie spät, vielleicht zu spät, dass einige der sicher geglaubten Wahlsiege in der Blue Wall auf dem Spiel standen. 

Für eindeutige Erklärungen der Niederlage Clintons - entgegen nahezu aller Prognosen - ist es aus wissenschaftlicher Sicht noch deutlich zu früh. Erste Hinweise darauf, wer gegen Clinton stimmte und wo Clinton diese Wahl verloren hat, liegen jedoch bereits vor. Die Wahltagsbefragung zeigt klare Tendenzen auf. Es sind nicht die Ärmsten der Armen, die für Trump gestimmt haben. Vielmehr scheint die weiße Mittelschicht aus den ländlichen Regionen des Rustbelts Trumps Erfolg ermöglicht zu haben. Rein wirtschaftliche Erklärungen des Wahlergebnisses greifen daher deutlich zu kurz,  auch wenn sich die deutsche Presse vielfach in ihnen verliert. Schwarze und Latinos stimmten mit großen Mehrheiten für Clinton.

Ein Whitelash (etwa: weißer Gegenschlag) habe Trump ins Amt gehievt, kommentiert der CNN Experte Van Jones noch in der Wahlnacht. Trump habe es verstanden, die Ängste dieser Wählergruppe anzusprechen, mit kulturellen Problemen zu vermischen und einfache, zugängliche Lösungen anzubieten. Dabei geht es der angesprochenen Wählergruppe nicht zwingend ökonomisch schlecht, jedoch haben in der Wahrnehmung dieser Wählerschicht andere Gruppen längst ökonomisch, kulturell und rechtlich zu ihnen aufgeschlossen, oder sie gar überholt. Diese Wahrnehmung, dieses Gefühl, könnte die Wahl entschieden haben. Historische Privilegien der Weißen sind in Gefahr. Gleichberechtigung wird nicht selten als Ungerechtigkeit verstanden. Für jeden wird etwas getan, nur für uns einfache Leute vom Lande nicht. Alle Entscheidungen werden in den großen Metropolregionen von volksfernen Eliten getroffen, die unsere Probleme weder verstehen noch lösen möchten. Das Übel der Welt wird den elitären, progressiven Politikern zugeschrieben, die allzu laxe Politiken - insbesondere für Migranten und Minderheiten - verabschiedet haben. Eine Studie der Forschungsgruppe IPSOS stellt daher die vergleichsweise überzeugende These auf, dass insbesondere der Nativismus - also die Idee, über eine angeborenen Überlegenheit und angeborene Rechte auf bestimmte Privilegien zu verfügen - diese Wählergruppe dazu bewegt hat, für Trump zu stimmen. Dieser hatte es verstanden, den Wählern zu suggerieren, dass er die Ängste und Probleme der Wählergruppen vom Land verstehe und sie lösen könne.

Direkt nach der Wahl geht es dann turbulent zu auf den Straßen im ganzen Land. Auf der einen Seite registriert die Polizei allerorts eine deutlich erhöhte Anzahl rassistischer Übergriffe: Autos werden mit Schimpfwörtern beschmiert. Ethnische Minderheiten werden in U-Bahnen beleidigt und sogar körperlich angegangen. Auf der anderen Seite wird in vielen Metropolregionen demonstriert. Gegen Trump, gegen Rassismus, gegen Nativismus, kurzum: gegen einen Präsidenten, den - so der Ton der Demonstranten - eigentlich niemand wollen kann.

Nordamerika im Wahljahr 2016: ein polarisiertes Land vor der Eskalation.

 

Das postfaktische Zeitalter

Nach allem, was wir bislang sagen können, haben also weit verbreitete Ängste und eine allgemeine Gefühlslage des Zurückgelassen-Werdens die Wahl stark beeinflusst. In diesem Zusammenhang geistert seit Wochen ein Begriff durch die Medien: mit dem Wahlkampf Trumps seien wir, so wird vielfach geschrieben, im postfaktischen Zeitalter angekommen. Was ist gemeint? Gemeint ist das scheinbar systematische Leugnen oder Ignorieren von Tatsachen in weiten Teilen demokratischer Gesellschaften. Post ist das lateinische Wort für danach oder hinter. Postfaktisch steht also für ein Zeitalter, das die Tatsachen hinter sich gelassen hat. Oder genauer: ein Zeitalter, in dem die Berücksichtigung von Tatsachen allzu sehr ins Hintertreffen geraten ist.

Ein Beispiel ist Donald Trumps Verhalten gegenüber Frauen und dessen Wahrnehmung in der Bevölkerung. Es kursiert ein Video im Internet, auf dem zu hören ist, wie sich Trump damit rühmt, schöne und verheiratete Frauen unaufgefordert zu belästigen. O-Ton Trump: Ein Star zu sein reiche da völlig aus. Er könne Frauen sogar in den Schritt fassen (grap them by the p*ssy), ohne dass sie sich wehren.

Locker room talk.

Bei diesem Video ist es aber natürlich nicht geblieben. Es gibt offene Vergewaltigungsvorwürfe gegen Trump. Mehrere Gäste aus seiner Reality TV Show The Apprentice berichten von übergriffigem Verhalten gegenüber einigen Show-Teilnehmerinnen. Er habe sie regelmäßig vor männlichen Kollegen nach der Größe ihrer Brüste beurteilt und darüber schwabuliert, mit wem er gerne ins Bett steigen würde. Anfang der 2000er Jahre veranstaltete Trump einige Schönheitswettbewerbe und brüstete sich damit, er könne als Ausrichter dieser Wettbewerbe ohne Probleme die Umkleidekabinen betreten, wann immer er wolle. Eine Möglichkeit, von der er offenbar reichlich Gebrauch machte. Einige der Mädchen waren 15 Jahre alt. 

Das wahrlich Erstaunliche ist nun aber - und hier begegnet uns das Phänomen des Postfaktischen in Reinform - dass es diesem Mann möglich ist, sich vor einem Millionenpublikum in einer TV Debatte mit Hillary Clinton vor die Fernsehkameras zu stellen und den Satz zu äußern: Niemand respektiert Frauen mehr als ich. 

Und er kommt damit durch.

Auf der einen Seite die Tatsachen. Auf der anderen Seite die Worte. Dazwischen, ein unüberbrückbarer Ozean. Nichts, aber auch gar nichts, passt zusammen. Und niemanden interessiert es. Das postfaktische Zeitalter. Was tatsächlich und vor den Augen der Weltbevölkerung geschieht, vielfach belegt und unanzweifelbar, spielt keinerlei Rolle. Was zählt, sind Worte, Gefühle, Stimmungen.

Alle Vernunft scheint uns verlassen zu haben.

Es gibt natürlich unzählige weitere Beispiele. Wir wollen nicht auf alle charakterliche Verfehlungen Trumps erneut eingehen, das haben andere in den letzten Tagen und Wochen zu Genüge getan. Stellen wir uns stattdessen die Frage, wie es soweit kommen konnte und was wir, als Gesellschaft, dagegen tun können.

 

Anleitung gegen den Postfaktizismus

Politik ist ein Streit der Ideen. Demokratische Gesellschaften streiten sich, im Idealfall, leidenschaftlich und sachlich darüber, welche Ideen die besseren sind. Und darum, was uns als Gesellschaft wichtiger ist. Wollen wir eine gesetzliche Krankenversicherung? Oder finden wir eine Beschränkung der persönlichen Freiheiten einzelner (durch verpflichtende Versicherungsbeiträge) schlimmer als die Aussicht darauf, dass Millionen Menschen ohne Krankenversicherung sind?

Klar ist: Wenn einzig und alleine Gefühle und Stimmungen das Zepter in der Hand haben, werden sachliche und leidenschaftliche Debatten unmöglich. Daher kritisiert die Publizisten Carolin Emcke in ihrem Buch Gegen den Hass, das kürzlich mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, auch zurecht den argumentativen Rückzug auf die eigenen Gefühle. Alleine die Tatsache, dass ich ein bestimmtes Gefühl habe, ist kein gutes Argument. Wir können uns als demokratische Gesellschaft also nicht alleine auf unsere Gefühlen berufen.

Wir müssen uns fragen, ob unsere Gefühle angemessen sind.

Klar, auf der einen Seite ist es wichtig, dass die Politik unsere Gefühle ernst nimmt. Was aber heißt das? Nehmen wir einmal an, Hans hat panische Angst vor Rotkehlchen. Was heißt es, diese Angst ernst zu nehmen? Es heißt zunächst einmal, sie zur Kenntnis zu nehmen. Das sollten wir alle tun. Alleine, weil es uns wichtig ist, die Welt so zu sehen, wie sie ist. Auf der anderen Seite muss es aber auch möglich bleiben, mit Hans darüber zu sprechen, dass seine Angst vor Rotkehlchen eventuell unbegründet ist. Etwa, weil Rotkehlchen (Hitchcock zum Trotz) Menschen nicht angreifen, oder weil sie schlicht nicht gefährlich sind. Über weite Strecken werden wir nicht viel daran setzen, Hans seine Angst vor Rotkehlchen auszutreiben. Spätestens aber, wenn Hans Vorschläge in den politischen Raum trägt, die auf seine Angst vor Rotkehlchen zurückgehen, werden wir beginnen müssen, diese Angst zu hinterfragen. Denn nun sind andere betroffen. Wenn Hans etwa den Vorschlag unterbreitet, alle Rotkehlchen in Deutschland einzufangen und ein für alle Mal auszulöschen, müssen wir uns fragen: Ist das angemessen? Sind Rotkehlchen wirklich ein Problem? Haben wir nicht größere Probleme? Gibt es vielleicht Untersuchungen über den Einfluss von Rotkehlchen auf unser Ökosystem?

Ähnliches gilt für die Angst vor Immigration. Wir sollten uns nicht darauf zurückziehen, zu sagen: Ich habe Angst vor Immigranten, wenn ich die sehe wird mir unwohl, darum wähle ich AFD, Punkt. Wir sollten uns fragen, ob und inwiefern eine Angst vor Immigranten begründet ist. Senkt Immigration etwa die Wirtschaftsleistung unseres Landes? Inwiefern sind neue kulturelle Einflüsse schädlich für unser Land, inwiefern eine Bereicherung? Nehmen uns Immigranten tatsächlich unsere Frauen weg? Senkt eine zu große Zahl von Einwanderern den inneren Zusammenhalt unserer Gesellschaft? Gibt es überhaupt so etwas wie eine deutsche Identität und worin sollte sie bestehen?

All diesen Fragen müssen wir uns als demokratische Gesellschaft sachlich und leidenschaftlich widmen. Gefährlich wird es nur dann werden, wenn alleine unsere Gefühle und Stimmungen die Richtung vorgeben. Das müssen wir verhindern. Denn es kann nicht im Sinne einer demokratischen Gesellschaft sein, dass vage und unbegründete Gefühle und Stimmungen das Zepter schwingen. Das wäre eine unvernünftige Herrschaft der Willkür und es würden jene Menschen an die Macht kommen, die es am besten verstehen, die Klaviatur unserer Gefühle zu bespielen. Und nicht diejenigen, die leidenschaftlich, sachlich und nachvollziehbar für ihre politischen Ideen streiten.

Wenn also das Kernproblem der postfaktischen Gesellschaft darin besteht, dass Menschen nicht mehr bereit sind, ihre eigenen Gefühle und Stimmungen dahingehend zu hinterfragen, ob sie begründet sind, was ist dann zu tun? Vor allen Dingen müssen wir eine politische Kultur der Überhitzung verhindern. Wir müssen etwa verhindern, dass die Befürwörter von Migration beständig aus einer Perspektive der moralischen Überlegenheit heraus argumentieren und ihre Gegner von vorne herein als unmoralische Rassisten darstellen. Auf der anderen Seite dürfen wir nicht zulassen, dass Menschen sich in politischen Diskursen einzig und alleine auf ihre Gefühl zurückziehen und jegliche Argumentation darüber hinaus ablehnen. Drei Beispiele:

Wenn Michelle Obama auf dem Parteitag der Demokraten euphorisch verkündet: When they go low, we go high! [Sinngemäß: Wenn Trump und die Republikaner das Niveau auch noch so sehr senken, wir werden daran arbeiten, es zu erhöhen!], dann setzt das das falsche Signal. Es ist das Signal der Herabwürdigung an eine ohnehin schon von übermoralischem Gehabe angenervten Gruppe an Menschen, die sich wirtschaftlich oder ideologisch abgehängt fühlen (ob gut begründet oder nicht). Derartigen Signale stehen jedoch einer gemeinsamen, sachlichen und leidenschaftlichen Debatte im Wege. Die Gegenseite wird rhetorisch gebrandmarkt, natürlich unter dem Jubel der eigenen Anhängerschaft. Das ist die liberal-moralische Überlegenheit, die es garantiert nicht wahrscheinlicher Macht, dass illiberalere Kräfte ihre Gefühle einer sachlichen Prüfung unterziehen.

Wenn Hillary Clinton sich systematisch weigert, den Begriff islamistischer Terrorismus in den Mund zu nehmen, weil sie der Ansicht ist, dieser Terrorismus habe rein gar nichts mit dem (richtig verstandenen) Islam zu tun, dann ist auch das ein strategischer Fehler. Natürlich erklärt die überwiegende Mehrheit der Islamgelehrten, die Gräueltaten des IS seien ganz und gar nicht im Sinne des Islam. Aber der IS beruft sich nun einmal auf eine radikale Auslegung des Koran. Und das genügt aus Sicht vieler Bürgerinnen und Bürger, von islamistischem Terror zu sprechen. Ohne Zweifel ist Clintons Ansatz von moralisch hehren Zielen motiviert. Das Problem ist nur: Er ist in weiten Teilen der Bevölkerung unvermittelbar. Trump hat das im Wahlkampf ausgenutzt und Clinton vor den Augen der Welt damit aufgezogen, dass sie Angst hat vor dem Begriff islamistischer Terror. So galt er, Trump, als der Kerl, der die Dinge beim Namen nennt, während Clinton sich vor der unschönen Wahrheit wegduckt und stattdessen über Waffengesetze und die National Rifle Association (NRA) palavert. Das ist eine übertriebene Hypermoral, die politisch nach hinten losgeht. Es ist nun einmal notwendig, Teile des politischen Diskurses zu vereinfachen, um Inhalte verständlich vermitteln zu können. Häufig werden politische Entscheidungen nicht als effiziente Entscheidungen verstanden, sondern als faule Kompromisse. Wenn da nun noch eine komplexe Fachsprache hinzukommt oder wenn - wie in diesem Fall - scheinbar völlig offensichtliche Zusammenhänge einfach nicht beim Namen genannt werden, dann geht Vertrauen verloren. Der politische Diskurs wird dann für viele Menschen unzugänglich und scheint weit entfernt von den Interessen und Problemen der einfachen Leute.

Wenn, auf der anderen Seite, Newt Gingrich auf dem Parteitag der Republikaner eine FBI-Statistik zur sinkenden Kriminalitätsrate im Land mit dem Hinweis abkanzelt, dass der durchschnittliche Amerikaner nicht daran glaube, dass die Kriminalitätsrate sinkt, dann ist das unaufrichtig und eines Politikers in einer Demokratie nicht würdig. So gehen Populismus und Postfaktizismus Hand in Hand: Mich interessiert nicht, was die Fakten sind, ich orientiere meine Politik alleine daran, was die Menschen für die Fakten halten. Auch so geht es nicht.

Es gilt, derlei Auswüchse an beiden Enden des Spektrums zu verhindern. Vielleicht ist es aber zuallererst an der liberalen Elite, rhetorisch abzubauen und auf die Gegenseite zuzugehen. Es stimmt schon: aus Sicht eines frustrierten Bürgers auf dem Land müssen all die Bestrebungen der liberalen Elite - Veggie Day, Gender Mainstreaming, Negerkönig raus aus Pippi Langstrumpf, Safe Spaces und Trigger Warnings an US Hochschulen, Diversity Richtlinien, Unisex Toiletten - etwas sehr Befremdliches haben. All das ist Lichtjahre entfernt von der Lebenswirklichkeit tausender Bürger; insbesondere jener Bürger, die in ländlichen Regionen in ihrem Alltag nicht mit derlei Themen konfrontiert werden. Und all diese Bürger haben am Wahltag eine Stimme.

Seien wir einmal ehrlich (und das sagen wir als Mitglieder der sogenannten liberalen Bildungselite): Ist es tatsächlich so unbegreiflich, dass viele Menschen angesichts unserer hyper-liberalen, achso-fortschrittlichen Ideen (die wir ja selbst auch nicht alle unbedingt überzeugend finden) und unseres moralisch-überlegenen Gehabes das Gefühl haben, mal protestieren zu müssen? Ist es so unverständlich, dass sie den Impuls haben, da mal dazwischen zu hauen? Zwischen all das Bio, all das Yoga, all die Sojamilch (Milch?!), all das Chia-Samen-Smoothie-Getue? Einfach mal voll auf die Fresse, um der sogenannten Elite klar zu machen: wir haben (fühlen) wahrlich andere Probleme.

Das bedeutet nicht, dass wir all unsere liberalen Bestrebungen aufgeben sollten. Aber es bedeutet, dass wir darauf achten müssen, dass die Gräben in unserer Gesellschaft nicht zu tief werden. Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck hat im Januar diesen Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos etwas Bedenkenswertes gesagt. Er sprach davon, dass es sogar moralisch geboten sein könne, einen Zustrom von Flüchtlingen zu begrenzen, um eine Unterstützung der Mehrheitsgesellschaft für eine menschenfreundliche Aufnahme von Flüchtlingen zu sichern.

Das ist genau der diskursive, kühle, sachliche und doch leidenschaftliche Ansatz, den wir brauchen. Gauck versucht in seiner Rede den Spagat zwischen einer Betonung unserer humanitären Pflichten einerseits, und, andererseits, dem Hinweis darauf, dass wir als Gesellschaft nicht einfach außer acht lassen dürfen, dass Zuwanderung tausenden von Menschen in Deutschland Angst bereitet (ob begründet oder nicht). Und dass Politik sich auch um diese Ängste kümmern-, ja, sie ansprechen muss, wenn sie nicht den Kontakt zu ihren Bürgern verlieren will.

Weite Brücken über tiefe Gräben.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch der Hinweis von Winfried Kretschmann neulich auf dem Parteitag seiner oft als Moralapostel verschrieenen Grünen: man dürfe es nicht übertreiben mit der political correctness. Kretschmann sieht offenbar eine Gefahr darin, dass sich seine Partei zu weit vom sogenannten einfachen Bürger entfernt.

Wir müssen hoffen, dass die Gräben nicht bereits zu tief sind. Dass noch Brücken geschlagen werden können. Eine freie Demokratie benötigt eine gemeinsame Basis für den politischen Diskurs. Gemeinsame Werte. Sie wird am leben erhalten von sachlichem und leidenschaftlichem Streit um Ideen; politisch-motivierte Pöbeleien und Verleumdungen sind ihr Sargnagel. 

Vielleicht sind diese Gräben eine Erklärung dafür, dass JJ, seine Schwestern und seine Mutter in Tampa so angegangen werden konnten, dass ihnen so viel niederträchtige Verachtung entgegenschlug: Wenn die Menschen sich abgehängt fühlen von den anderen und dann auch noch beständig genervt sind von deren hyper-liberalem, moralischem Überlegenheitsgehabe, dann entlädt sich ihr Frust vielleicht irgendwann in einer political hyper-uncorrectness. Und dann kommt ein Populist wie Trump genau richtig. Einer, der die Sorgen des einfachen Mannes noch versteht (oder zumindest so tut). Einer, der nicht die Wirklichkeit der Menschen aus den Augen verloren hat; mag er auch in einem vergoldeten Wolkenkratzer in New York City leben und ein Frauenbild aus dem Mittelalter haben. Ein echter Mann des Volkes.

Was also tun? Das Rezept gegen die postfaktische Gesellschaft lautet: Offenheit, Bereitschaft zum Diskurs, Sachlichkeit, Leidenschaft für Argumente und die Vermeidung einer liberalen, hyper-moralischen Überlegenheitsrhetorik. Wir benötigen eine entschlossene und diskursive Einbeziehung der Andersdenkenden in unseren politischen Diskurs. Auf allen Seiten.

Es ist wohl noch nicht zu spät.

 

Co-Autor Daniel Bischof ist Oberassistent am Lehrstuhl für vergleichende Politikwissenschaft der Universität Zürich.

 

 

Weitere Literatur

 

1)      Wieso lagen die Pollster häufig daneben?

                      a.       Putting the Polling Miss of the 2016 Election in Perspective

b.       7 experts try to explain how the polls missed Donald Trump’s victory

c.       Not all forecasters got it wrong: Nate Silver does it again (again)

d.       Explanations for that 2% shift

2)      Wer wählte Trump? Wer wählte Clinton? Mögliche Erklärungen:

a.       Exit polls

b.       It’s Nativism: Explaining the drivers of Trump’s popular support

c.       How Trump won the presidency with razor-thin margins in swing states

d.       How Trump redrew the electoral map, from sea to shining sea

e.       In record numbers, Latinos voted overwhelmingly against Trump. We did the research.

f.        Donald Trump’s Victory Was Built on Unique Coalition of White Voters

g.       Trump Was Stronger Where The Economy Is Weaker

h.       2016 was an ordinary election, not a realignment

i.         How Donald Trump did it in 5 images

j.         A series of strategic mistakes likely sealed Clinton’s fate

k.       How rural resentment helps explain the surprising victory of Donald Trump

l.         How Trump won the election according to exit polls

 

 

 

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